Die schwierige Wiederansiedlung einer Wildkatze

12. September 2017

Der Luchs verbreitet sich in Uri. Raubtierexperte Fridolin Zimmermann erklärte in einem Referat die Hintergründe der Luchsbesiedlung und lüftete so manches Geheimnis der Wildkatze. Die anschliessende Diskussion zwischen Jägern, Bauern und Umweltschützern zeigte deutlich, dass die Zukunft des Luchses und seiner Beutetiere Gams und Reh nicht in Uri alleine gelöst werden kann.

Luchse sehen und hören ausgezeichnet. So gut, dass sie uns Menschen schon längst ausgemacht haben, bevor wir sie zu Gesicht bekommen. Luchse leben in bewaldeten Gebieten. Sie können menschlichen Siedlungen sehr nahe sein, ohne dass wir davon etwas spüren. In Uri ist ihr Lebensraum dank viel Wald und reichlich Beutetieren gut. Trotzdem geschah die Besiedlung von Uri äusserst zögerlich. Nach der staatlichen Wiederansiedlung des Luchses ab 1971 in Obwalden ging es 10 Jahre, bis der erste Luchs in Uri nachgewiesen werden konnte. Erst ab 2007 wurden die Luchssichtungen häufiger. Aus diesem Jahr stammen auch das erste Fotofallenbild eines Luchses und der erste gesicherte Nachweis einer Reproduktion. Im Winter 2016/17 konnten insgesamt 9 Luchse in Uri nachgewiesen werden. Hochgerechnet kann man heute von 10 Luchsen in Uri ausgehen. Der Raubtierexperte Fridolin Zimmermann von Kora ermöglichte den etwa 50 Gästen innerhalb einer Stunde mit diesen Ausführungen einen interessanten Einblick in das Leben der Wildkatze in unserem Kanton.

Warum siedelte man den Luchs an?

Um diese Frage ging es im Referat zwar nicht, aber der Zusammenhang ist wichtig für das Verständnis der Luchswiederansiedlung. Dafür muss man das Rad der Geschichte um 150 Jahre zurückdrehen. Der Wald war damals massiv in Mitleidenschaft gezogen. Wegen hohem Brenn- und Bauholzbedarf wurde gnadenlos gerodet, mit verheerenden Folgen in Form von Murgängen, Überschwemmungen und Lawinen. Auch der heimische Luchs verschwand damals durch gnadenlose Bejagung und Verlust von Lebensraum aus der Schweiz, ja aus dem ganzen Alpenraum. Mit dem ersten Schweizerischen Waldgesetz von 1876 konnte der Waldzerstörung Einhalt geboten werden. Die Wildbestände erholten sich auch infolge neuer Jagdvorschriften innerhalb einem Jahrhundert so sehr, dass es nun plötzlich zu viel Schalenwild gab, so dass Waldschäden durch Wildverbiss zunahmen und kaum mehr Jungwald aufkam. Hier setzte der Obwaldner Kantonsoberförster Leo Lienert an. Als die Jäger in Obwalden forderten, den aussterbenden Rothirsch zu fördern, machte Lienert Jägern und Regierung ein Angebot: Wenn der Rothirsch gefördert werden sollte, dann unter der Bedingung der Wiedereinbürgerung des Luchses. 1971 konnte – auch dank einem Bundesratsbeschluss – mit der Wiederansiedlung begonnen werden. Nachzulesen ist diese Geschichte im aktuellen Jubiläums-Buch des WWF Zentralschweiz «Tatort Umwelt» (zu finden in der Buchandlung Bido in Altdorf). Der Zusammenhang zwischen Luchsanwesenheit und Waldverjüngung ist allerdings komplex. Es fehlen noch ausreichende wissenschaftliche Untersuchungen, um den Grad des Einflusses von Luchsen auf den Wildverbiss abzuschätzen.

Wie sieht die Zukunft von Luchs und Gams aus?

Im Anschluss diskutierten die zahlreich erschienenen Jäger, Bauern und Umweltschützer noch bis spät in den Abend über das Thema Luchs. Auf die Frage der Zukunft des Luchses in Uri liess Zimmermann sich nicht auf die Äste hinaus. Voraussagen sind offenbar schwierig, zu viele Faktoren spielen in die Wiederbesiedlung hinein. Zimmermann hielt aber fest, dass die Luchspopulation in den Alpen nach wie vor sehr verletzlich sei. Diese ist im Alpenraum noch zu klein und basiert auf einer schmalen genetischen Basis. Dies rührt daher, dass in den 1970er-Jahren nur wenige Tiere aus den Karpaten eingeführt wurden, die eventuell auch noch untereinander verwandt waren. Zudem fehlt vor allem noch ein Luchs-Bestand in Österreich, um eine vernetzte Alpenpopulation zu erhalten. Etwa 1000 Luchse wären für eine langfristig überlebensfähige Alpen-Population notwendig. Eine Alpen-weit vernetzte Population würde es erlauben, den Druck in dicht besiedelten Gebieten der Schweiz etwas zu lockern. Nichtsdestotrotz wächst die europäische Population langsam an. Umsiedlungen aus der Schweiz, zum Beispiel in den Pfälzer Wald oder nach Österreich geben Anlass zur Hoffnung auf ein langfristiges Überleben des Luchses Mitteleuropa. Und wie geht es den Gämsen? Res Gnos vom Urner Jägerverband betonte in einem Statement zum Referat von Zimmermann den lokal teils enormen Rückgang von Gämsen in Uri. Er verschweigt aber auch nicht die vielen Faktoren, die insgesamt auf den Gamsrückgang einwirken. Die aktuelle und fundierte Broschüre «Die Gämse in der Schweiz. Wir tragen Verantwortung!» von Jagd Schweiz zeigt denn auch auf, dass der Gamsrückgang in Österreich praktisch identisch wie in der Schweiz verläuft – auch ohne Wolf und Luchs. Ein Steilpass für Umweltschützer und Jäger, gemeinsam nicht nur die Luchs-Gams-Thematik, sondern auch Probleme wie die Zunahme des Tourismus und Störungen in Wildeinstandsgebieten anzugehen. So könnte für Gams und Luchs das Optimum herausgeholt werden.

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Die Ausstellung «Wolf, Luchs & Bär – Uri hat sie alle!» vom WWF Uri ist noch bis zum 20. September geöffnet (Öffnungszeiten s. wwf-zentral.ch). Die Ausstellung ist gratis. Es hat noch wenige offene Termine für gratis Schulklassenführungen. Wer Lust hat auf einen ernst gemeinten, aber durchaus auch humoristischen Beitrag von maximal 10 Minuten zum Thema Grossraubtiere im Rahmen der Ausstellungs-Dernière (20. September, 19.30 Uhr), meldet sich mit einer kurzen Beschreibung bis zum 17.9. bei kurt.eichenbergernoSpam@wwf.noSpamch.  Die Ausstellung wird von Pro Natura mit deren Bärenausstellung, sowie finanziell von der Dätwyler Stiftung und dem Kanton Uri unterstützt. 

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